Tatkraft-Tag bei der Feuerwehr

„Guten Morgen, meine Herren“. Als Vorsitzende des Frauenausschusses ist eine solche Anrede für mich eher selten, aber an diesem Morgen um 07:30 Uhr sind bei der Feuerwehr tatsächlich nur Männer anwesend…IMG_9395
Einen ganzen Tag werde ich in der Interimswache Auf der Hüls verbringen.
Nach der Einkleidung geht es direkt los: Ein Rauchmelder in einem Seniorenheim schlägt Alarm. „Bei einem Seniorenheim ist davon auszugehen, dass eine potenziell größere Anzahl von hilflosen Personen in Sicherheit gebracht werden muss“, erklärt mir Herr Pütz. Deshalb rücken direkt zwei Löschfahrzeuge aus. Nach schneller Fahrt mit Blaulicht erreichen wir das Seniorenheim. Der Einsatzverantwortliche Herr Schröder geht zielsicher auf die Box mit den Feuerwehr-Laufkarten zu und entnimmt die Mappe. Mit ihrer Hilfe gehen meine Kollegen und ich zur Einsatzstelle, das kleine Apartment einer älteren Dame. Sie guckt sehr schuldbewusst, und es stellt sich heraus, dass sie ihre heimlich gerauchte Zigarette in ein Stück Papier gewickelt hat, das prompt anfing zu qualmen und den Alarm ausgelöst hat. Wir können uns also auf den Rückweg machen, zum Glück nur falscher Alarm!
IMG_8234Wieder zurück in der Hauptwache darf ich mir den Hubrettungswagen und das Fahrzeug mit Löschspritze ansehen. Damit können Brände in oberen Etagen oder höheren Gebäuden gelöscht werden.
Danach kann ich mir in der Praxis angucken, womit wir uns im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales schon oft theoretisch beschäftigt haben: das Telenotarzt-System, entwickelt in Aachen. Ich bin beeindruckt von der hochkomplexen Technik im RTW (Rettungswagen), die es erlaubt, Bilder und Daten aus dem Rettungswagen an einen Notarzt zu übermitteln. Von einer Einsatzzentrale aus kann er anhand von EKG-Aufnahmen und anderen Vitalparametern, in-Augenscheinnahme des Patienten und Gesprächen mit dem vor Ort tätigen Notfallsanitäter eine erste Diagnose stellen, um die Aufnahme in der Klinik vorzubereiten. „Aus meiner Sicht ist das genau das, was uns gefehlt hat, gerade bei Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Patienten“, ist der Notfallsanitäter Herr Ekberg überzeugt. Der einzige Nachteil: es fehlen zwei Hände zum Tragen des Patienten.
IMG_9398Wie gut das System funktioniert, davon kann ich mich am Nachmittag überzeugen: kurz vor dem gemeinsamen Essen rückt das NEF (Notarzteinsatzfahrzeug) mit einer Notärztin und ein KTW (Krankentransportwagen) mit Besatzung aus. Mir ist ein bisschen mulmig zumute, denn der Wagen fährt mit hoher Geschwindigkeit und Blaulicht quer durch Aachen. Der Patient erläutert uns seine Beschwerden: Druck auf der Brust und Schmerz, der in den linken Arm ausstrahlt. Da es sich um einen relativ jungen Mann handelt, wird er zur Beobachtung mit ins Klinikum genommen. Jetzt kommt das das Telenotarzt-System zum Einsatz: die Notärztin vor Ort kann EKG-Daten, bislang verabreichte Medikamente und andere Vitalparamater an ihren Kollegen in der Zentrale übermitteln, so kann die Aufnahme gut vorbereitet werden. Mit Blaulicht geht es zurück, und die junge Notärztin erklärt mir leise, dass es sich vermutlich um einen leichten Herzinfarkt handelt.
Die Mittagspause verbringen die Feuerwehrleute gemeinsam oder allein, denn jeder hat ein eigenes Bett, zumeist in Zweibettzimmern. Die Situation ist aktuell nicht optimal, denn durch den Umbau der Hauptfeuerwache auf der Stolberger Straße sind die Feuerwehrleute im Ausweichquartier Auf der Hüls in Containern untergebracht. Zumindest Klimaanlagen wurden dort eingebaut, und das ist an einem solchen heißen Tag auch dringend erforderlich.
Der dritte Einsatz an diesem Tag ist ein Verkehrsunfall vor dem Hauptbahnhof. Nach übereinstimmenden Zeugenaussagen ist ein Radfahrer über Rot gefahren und von einem Auto erfasst worden. Schnell hat die Polizei die Straße abgesperrt und die Feuerwehr kann sich um den verletzten Fahrradfahrer und die vier Insassen des Autos kümmern. Dass der Fahrer leicht unter Schock steht, stellt sich erst eine Viertelstunde nach dem Aufprall heraus. Die Feuerwehr und Sanitäter kümmern sich um ihn und stellen sicher, dass die drei älteren Herrschaften im Wagen, die gerade von einer Dialyse zurückkommen, ebenfalls wohlauf sind. Nach einer halben Stunde rücken wir wieder ab.

Als ich bei meinen Ansprechpartnern für diesen Tag, Herrn Sauren und Herrn Winkler, nachfrage, wie die Rekrutierung für Frauen läuft, antworten sie eher zurückhaltend: Als Maschinistinnen, auf der Leitstelle und auch bei anderen Tätigkeiten, sind Frauen sehr gut einzusetzen, aber die schwere Brandausrüstung und teilweise hohe körperlichen Belastungen im Einsatz erfordern Kraft und eine gute körperliche Konstitution. Ich mache den Test und trage kurz darauf einIMG_9396e feuerfeste Hose, Jacke und Helm mit Nackenschutz und die Atemschutzausrüstung inkl. Sauerstofflasche auf dem Rücken. Das sind ca. 29 kg, hinzukommen noch eine Taschenlampe, Funkgerät und Wärmebildkamera. Puh, mir bricht bei der kleinsten Bewegung der Schweiß aus, das Rein- und Rausklettern aus dem Feuerwehrwagen ist richtig anstrengend. „Stellen Sie sich vor, sie laufen damit durch beißenden Rauch in den dritten Stock“, gibt mir ein Kollege zu bedenken. Natürlich kann ich deshalb nachher verstehen, dass man eine gute körperliche Konstitution haben muss, gerade wenn man bei Verkehrsunfällen auch noch mit schwerem Gerät arbeiten muss. Dennoch: auch Altenpflegerinnen haben schwer zu heben, und es gibt bei der Feuerwehr eben nicht nur Einsätze, bei denen es auf körperliche Kraft ankommt.
Ein großes Problem für die Kolleginnen und Kollegen ist der mangelnden Respekt: „Es ist an der Tagesordnung, dass wir bei unseren Einsätzen gefilmt werden, jeder Schritt wird genau beobachtet, wir werden angepöbelt und müssen gerade im Rettungsdienst sehr vorsichtig sein, wenn wir in Wohnungen gehen, um dort Verletzten zu helfen“, erklärt Herr Ekberg.
Nach 10 Stunden bin ich ziemlich erledigt, aber auch schwer beeindruckt: ein vielseitiger Beruf, der für viel Adrenalin sorgt, aber gerade deshalb nichts für Adrenalin-Junkies ist. Ein hohes technisches Verständnis, Umsicht, Einsatzbereitschaft und vor allem Teamfähigkeit ist erforderlich, um ein guter Feuerwehrmann zu sein. Oder eben Feuerwehrfrau.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.