„Kein Kind zurücklassen“ wirkt und lohnt sich

Nach der erfolgreichen Auswertung in 18 Modellkommunen wird das Land das Vorhaben für alle Kommunen in NRW öffnen
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Dr. Brigitte Mohn, Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung, haben in der Staatskanzlei in Düsseldorf den Abschlussbericht des Modellprojektes „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ vorgestellt.
„‚Kein Kind zurücklassen‘ ist ein Erfolg und wir wollen die vorbeugende Politik in Nordrhein-Westfalen fortsetzen – weil sie gut für die Kinder und für die Zukunft des Landes ist“, sagte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. „Kein Kind zurücklassen“ habe den Praxistest bestanden. „Wir sind sehr beeindruckt davon, wie viel Engagement Kommunen in die Unterstützung ihrer Kinder und Familien investiert haben, und wir sind sicher, dass sie damit auf dem richtigen Weg sind“, unterstrich auch
Dr. Brigitte Mohn.
„Die Auswertungen in den 18 beteiligten Städten und Kreisen belegen: Vorbeugung funktioniert, wirkt und lohnt sich. Die Modellkommunen haben vor Ort viel erreicht. Insgesamt ist die Umsetzung der Ziele und Maßnahmen in den Kommunen zu über 80 Prozent ganz oder teilweise gelungen. Das ist ein Erfolg. Die Landesregierung wird ‚Kein Kind zurücklassen‘ auf weitere Kommunen in NRW ausweiten. Wir wollen, dass mehr Kinder und Jugendliche bessere Chancen haben. Das ist gut für die Kinder und Familien, bekämpft den Fachkräftemangel, stärkt damit den Wirtschaftsstandort und reduziert soziale Reparaturkosten“, betonte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Sie erklärte weiter: „Unsere Anerkennung gilt den beteiligten Kommunen, die hoch motiviert und engagiert eine vorbeugende Politik zum Wohl der Kinder umsetzen. Das setzt Zeichen und ist Vorbild. So hat das Bundesland Vorarlberg in Österreich unser Modellvorhaben ‚Kein Kind zurücklassen’ jetzt ebenfalls gestartet.”

Die Bertelsmann Stiftung konnte nachweisen, dass Prävention den betroffenen Kindern hilft. Die Wissenschaftler des Projekts haben analysiert, wo und wie Prävention am meisten wirkt. „Wer in Prävention investiert, investiert in erster Linie in die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen und damit in die Zukunft der Gesellschaft insgesamt. Prävention ist kein Sparprogramm“, sagte Dr. Brigitte Mohn.

Dies ist insbesondere deshalb wichtig, weil zu viele Kinder in NRW in materieller Armut aufwachsen. In NRW bezogen im Jahr 2014
18,9 Prozent der Kinder unter 15 Jahren Sozialgeld nach SGB II. In einzelnen Städten im Ruhrgebiet waren zwischen 30 und 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. Die Analyse der kommunalen Daten zeigt, wie präventive Politik dennoch die Chancen für ein gelingendes Aufwachsen verbessert: Ein früher Kitabesuch, Sport im Verein und der Besuch eines Familienzentrums oder einer plusKita fördern signifikant die Sprachbildung der Kinder. Das Risiko mangelhafter Deutsch-kenntnisse bei armen Kindern sinkt dadurch von 38 auf 8 Prozent.

Die Bertelsmann Stiftung hat ein Beobachtungssystem entwickelt, das langfristige Entwicklungen in den Kommunen messbar macht. Prävention braucht einen langen Atem. „ Aus diesem Grund ist es dringend erforderlich, dass die Kommunen das in dem Projekt entwickelte sozialräumliche Monitoring nachhaltig einsetzen,” so Dr. Brigitte Mohn.

Die Untersuchungen zu „Kein Kind zurücklassen“ machen deutlich, wie und welche Unterstützungsangebote Familien in Risikolagen und akuten Belastungssituationen erreichen: niedrigschwellige Angebote und solche, die betroffene Familien aufsuchen, machen die Qualität von Präventionsketten aus. Die besten Präventionswirkungen gehen von sozialen Diensten und Einrichtungen aus, die zu den Regelangeboten gehören. Beratende und begleitende Angebote wie beispielsweise die Schwangerschaftsberatung, Familienzentren oder die Erziehungs-beratung erreichen Familien in akuter Belastungssituation – und diese sogar besser als den Durchschnitt der Familien insgesamt. Insbesondere der klar verbesserte Informationsaustausch und die engere Verzahnung der Angebote gehören zu den Schlüsseln des Erfolges.

Desweiteren sollte der Gesundheits- und Bildungsbereich in der Kommune stärker in die Präventionspolitik integriert und verzahnt werden. Sozial-medizinische Angebote erreichen alle Familien, finden in der Präventionspolitik bisher aber eher wenig Beachtung. Hier liegen noch ungenutzte Möglichkeiten für die Kommunen, heißt es in dem Bericht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Im Rahmen der Untersuchung wurde auch festgestellt, dass es Angebote gibt, die Familien in Risikolagen schlechter erreichen. Hierzu zählen insbesondere Kurs- und Gruppenangebote, die eine regelmäßige und auf Dauer angelegte Teilnahme erfordern und oft auch kostenpflichtig sind.

Beispiele aus dem Kreis Düren und der Stadt Hamm zeigen die positive Wirkung von „Kein Kind zurücklassen“: „Ich gebe zu: erst war ich skeptisch, was das Projekt betrifft, heute bin ich begeistert. Vorbeugung ist ein ganz neuer, vorbildlicher Politikansatz. Ich bin stolz darauf, dass ‚Kein Kind zurücklassen‘ für den Kreis Düren vom Projekt zur Pflichtaufgabe geworden ist, weil die Kinder und Familien wirklich davon profitieren. Die tollen Erfahrungen aus unserer Pilotkommune Kreuzau kommen mittlerweile allen anderen Städte und Gemeinden zugute, die sich seit unserer kreisweiten Präventionskonferenz vor einem Jahr ebenfalls auf den Weg gemacht haben“, sagte der Landrat des Kreises Düren, Wolfgang Spelthahn.

Der Oberbürgermeister der Stadt Hamm, Thomas Hunsteger-Petermann, ergänzte: „Die Erfahrungen, die wir als Modellkommune gemacht haben, sind durchaus positiv – auch wenn es noch zu früh ist, um abschließend über das Projekt ‚Kein Kind zurücklassen‘ zu urteilen. In den vergangenen Jahren ist es uns gelungen, unsere Angebote im Bereich frühkindlicher Bildung zu strukturieren und zu schauen, welche Angebote gut sind – und welche vielleicht nur gut gemeint sind. Das sind mitunter Entscheidungen, die nicht immer populär, aber trotzdem unverzichtbar sind. Denn es geht keineswegs darum, Kosten zu sparen, sondern vielmehr darum, vorhandene Gelder sinnvoll umzuverteilen und in Präventionsangebote zu investieren. Dabei befindet sich Hamm auf einem guten Weg – auch wenn noch Arbeit vor uns liegt.“

Insgesamt bestätigen die Untersuchungen, dass die Präventionspolitik des Landes in den Kommunen angekommen ist. Prävention sei inzwischen kommunale Praxis und ein zentrales Thema der Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung – besonders in den Modellkommunen, aber auch in den Kommunen in NRW insgesamt. Drei Viertel (75,2 Prozent) der von der Bertelsmann Stiftung befragten Dezernenten gaben an, dass das Thema „Prävention“ einen hohen oder sehr hohen Stellenwert in ihrer Kommune genießt. Dieser Wert lag vor fünf Jahren – vor dem Start des Programms – nur bei 38,6 Prozent. In allen Modellkommunen sind Präventionsketten mit eigenen Schwerpunkten etabliert worden.

Die kontinuierliche Unterstützung durch Wissenstransfer, Beratung und Austausch mit anderen Kommunen wird jetzt weiter benötigt. Und NRW macht das: Das Land legt den Hebel um – das Modell wird Schritt für Schritt zum Regelfall. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft betonte, dass die Landesregierung den Ansatz von „Kein Kind zurücklassen“ sukzessive für alle Kommunen in NRW öffnen wird: „Der Start hierzu soll im Herbst 2016 erfolgen. Die Kommunen aus der Modellphase werden hierbei eine wichtige Rolle einnehmen: Sie sollen ihre Erfahrungen an andere Städte und Kreise weitergeben und neue weitere Elemente einbeziehen.“ Zu einer guten Entwicklung der Kinder gehörten ausreichende Bewegung und gute Ernährung genauso wie etwa Sprachförderangebote, unterstrich die Ministerpräsidentin in diesem Zusammenhang.

Zum Hintergrund
Das Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ wurde von Mitte 2012 bis Ende 2015 in Kooperation der Landesregierung und der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit 18 Modellkommunen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Zeigen, was wirkt – das war das Ziel der wissenschaftlichen Begleitforschung. Insgesamt sechs Forschungsorganisationen haben dazu im Auftrag und in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung die Bedingungen für ein Gelingen von kommunaler Prävention untersucht. Insgesamt sind 25 Fachberichte entstanden. Mit dem Ende der Modellphase wurde nun der Abschlussbericht der Forscherinnen und Forscher vorgelegt.

Als Modellkommunen haben die Städte Arnsberg, Bielefeld, Dormagen, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Gladbeck, Hamm, Moers, Mönchengladbach, Münster, Oberhausen, Witten und Wuppertal sowie die Kreise Düren, Unna und Warendorf mitgewirkt. Aus Landesmitteln wurden für das Vorhaben in der Zeit von 2012 bis 2015 rund
1,9 Millionen Euro aufgebracht. Es wurde durch den Europäischen Sozialfonds mit 3,1 Millionen Euro gefördert. Die Bertelsmann Stiftung hat 3,2 Millionen Euro eingebracht. Die Kommunen haben 200.000 Euro beigetragen. Das Vorhaben hat insgesamt 8,4 Millionen Euro gekostet.

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