Die Bahnhofsmission – ein ganz besonderer Ort

Bahnhöfe nicht nur Orte der Reise, sondern auch des Ankommens.
Bei meinem Tag in der Bahnhofsmission erfahre ich zunächst durch ein Gespräch mit den Trägervertreterinnen (Diakonie und InVia), was Strukturen und Herausforderungen der Arbeit betrifft: Nicht nur Reisebegleitungen, auch Hilfestellungen für obdachlose Menschen gehören zu den Aufgaben.
Das wird dann im Außendienst sehr praktisch: „Wir gehen jetzt mal auf Gleis 6, da fährt ein Zug ab, der in Lindern geteilt wird“, sagt Konni, hauptamtlicher Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Elisabeth, seine ehrenamtliche Kollegin und Studentin der Biologie, nickt zustimmend. Und tatsächlich sind viele Passagiere ratlos, in welchen Zugteil sie einsteigen sollen und wenden sich an die durch ihre blauen Westen deutlich erkennbaren Mitarbeiter. Auch Reisebegleitungen für hilflose Personen gehören zu ihren Aufgaben.

Nach einem kurzen Rundgang über den Bahnhofsvorplatz, wo Konni und Elisabeth viele alte Bekannte und Besucher der Mission treffen, geht es dann in den Innendienst. Ab 12 Uhr ist der Aufenthaltsraum geöffnet, aber viele stehen schon seit 11:30 Uhr vor der Tür und warten. Mehr als 30 Leute kommen in den nächsten Stunden und kaufen eine Tasse Kaffee, Kakao oder Tee für 20 cent oder erhalten ein Glas Zitronenwasser. „Viel wichtiger als die Versorgung ist aber das Gespräch“, erklärt Elke Schreiber, Leiterin der Bahnhofsmission. Der geschützte Raum, der Aufenthalt hier, ohne dass man gefragt wird, wer man ist, woher man kommt und wohin es geht, ist für viele der BesucherInnen sehr wichtig. Mir fällt eine Frau Anfang 60 auf, die sehr gepflegt wirkt. Auf Nachfrage erzählt Frau Schreiber mir ihre Geschichte: verheiratet, zwei Kinder, dann irgendwann Burn out und das Leben ist ihr entglitten. Sie kommt regelmäßig zu den Frauentreffen der Bahnhofsmission an jedem 2. Mittwoch im Monat, an dem Männer nicht erwünscht sind. Im geschützten Rahmen erzählen die Frauen ihre Geschichte, bringen andere Frauen mit, diskutieren oder nehmen kreative Angebote wahr. Was fehlt, ist ein Angebot für wohnungslose Frauen – ein Thema, das mich bereits lange beschäftigt.
Es klingelt, und herein kommt eine fünfköpfige Familie. Der älteste Sohn spricht leidlich deutsch, die anderen verständigen sich mit Händen und Füssen. „Wir wissen nicht genau, wo sie leben und wie ihr Status ist“, erläutert Frau Schreiber. Wenn nächste Woche jedoch die Schule beginnt, behalten wir im Auge, ob die Kinder weiterhin dabei sind.
Durch Gespräche wächst Vertrauen und bei Manchen dauert es fast ein halbes Jahr, bis sie sich offenbaren. Dann hilft die Bahnhofsmission, schickt ihre Besucherinnen zum Sozial- oder Ausländeramt, sie dürfen das Telefon zur Absprache von Wohnungsbesichtigungen nutzen oder unter Aufsicht am Computer das Internet und die ausliegende Tageszeitung nach Stellenanzeigen durchforsten.
Nach Ende des Tages ist mir klar: hier akzeptieren alle MitarbeiterInnen die Lebensform ihrer Besucher- egal, ob sie der Norm entsprechen oder nicht. Wenn jemand Hilfe braucht, werden hier die Wege geebnet.
Ein Tag, der mich tief beeindruckt hat.

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