Abschlussbericht Gender Gewaltkonzept

Ein Artikel unserer Praktikantin Amelie Kaufmann:
Viele Menschen erleben in ihrem Alltag psychische, physische, wirtschaftliche oder sexualisierte Gewalt. Diese Gewalterfahrungen gelten als Risikofaktor für die Gesundheit. Bei der Abschlussveranstaltung des Modellprojektes „Gender Gewaltkonzept – Genderspezifische Erfassung und Versorgung von Patientinnen und Patienten nach Gewalterfahrung in der StädteRegion Aachen“ wurden die Forschungsergebnisse, des vom Land NRW und von der EU geförderten Modellprojektes, präsentiert. Das Modellprojekt widmete sich den gesundheitlichen Auswirkungen von Gewalterfahrungen bei Frauen und Männern. Es wurden 5000 Patientinnen und Patienten im UKA zu ihren Gewalterfahrungen befragt. Die systematische Befragung hatte das Ziel zu untersuchen, ob und in welchem Ausmaß ärztlicher Handlungsbedarf besteht. Denn es fehlt an geschlechts- und gewaltspezifischen Therapieansätzen in NRW. Schlussendlich soll aus der Handlungsbedarfsanalyse ein Leitfaden entwickelt werden, anhand dessen individuell auf die gesundheitlichen Folgen nach Gewalterleben eingegangen werden kann.

Die Auswertung ergab, dass 40% der Befragten schon einmal in ihrem Leben Gewalt erfahren haben. Die Verteilung auf Frauen und Männer war dabei nahezu ausgewogen. Dabei dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass der Gewaltbegriff weit gefasst sei. Des Weiteren wurde das klinische Personal befragt, in welchem Ausmaß es mit Patientinnen und Patienten zu tun habe, welche aufgrund von Gewalterfahrungen in Behandlung seien. Es kam heraus, dass die Größenordnung von Patientinnen und Patienten allgemeinhin unterschätzt werde und gewaltspezifischer Schulungsbedarf besteht. Maßnahmen zu dem Nachholbedarf beinhalten eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit, Fachkonferenzen und eine stärkere Vernetzung der verantwortlichen Stellen wie z.B. des Gesundheitswesens und der zuständigen Beratungsstellen.

Bei den unterschiedlichen Arten von Gewalt und den daraus resultierenden Erkrankungen, wurde herausgestellt, dass geschlechterspezifische Unterschiede bestehen, jedoch Gesundheitsstörungen beiderseits vorhanden sind. Der Anteil an Frauen, welche mehr als eine Gewalterfahrung im Kindesalter erlebt haben ist höher. Das Risiko für gesundheitliche Folgen steige bei mehrfacher Gewalterfahrung. Die daraus folgenden Erkrankungen seien bei Frauen oftmals Depressionen, Schlafstörungen und soziale Folgen. Mindestens ¼ der Befragten gab mindestens eine therapiewürdige Diagnose an.

Insgesamt vier Sprecher aus der TU Dortmund, des Kompetenzzentrums Frauen und Gesundheit NRW, des österreichischen Gesundheitsministeriums und der KathHO Aachen präsentierten informative Einblicke in ihre Forschungsfelder.
Frau Dr. Schröttle präsentierte nationale und internationale Ergebnisse zum Thema Gewalt gegen Frauen. Sie stellte heraus, dass sich über einen Zeitraum von zehn Jahren kein Rückgang von Gewalt gegen Frauen verzeichnen ließe. Interessanterweise ereignen sich 2/3 der Gewalterfahrungen im engeren sozialen Umfeld der Frauen, meist in Partnerschaftsbeziehungen oder Ex-Partnerschaftsbeziehungen. Dies sei zunehmend mit psycho-sozialen Folgen wie Bildungsabbruch oder Behinderung verbunden. Die Risikogruppen seien nicht in einen Bildungszusammenhang zu sehen, sondern vielmehr in jüngeren Altersgruppen, mit weniger finanziellen Ressourcen. Männer erleben dabei häufiger psychische Gewalt oftmals in der Arbeitswelt. Der Anteil der Verursacher von Gewalt gegenüber Männern liege bei 90% im öffentlichen Raum. Abschließend wurde festgestellt, dass es einer größeren Institutionalisierung von anti-Gewalt Maßnahmen bedarf. Die Hürden im Falle einer Trennung müssen minimiert werden z.B. im Sorgerecht.

Frau Ulrike Janz betonte in ihrem Vortrag, dass die verschiedenen Institutionen und Beratungsstellen stärker zusammenarbeiten müssen, denn eine einzelne Berufsgruppe sei mit dem Thema überfordert. Rund 1,7 Mio. Frauen in NRW leiden unter gesundheitlichen Folgen von Gewalterfahrungen. Das Projekt des Kompetenzzentrums Vernetzung in der Region zu schaffen, sei momentan in der Evaluierungsphase. 131 Kooperationen von Arztpraxen konnten im Projektzeitraum geschaffen werden. Das Feedback ist positiv: 128 Ärzte in der Region haben an Fortbildungen zum Thema Gewalt an Frauen teilgenommen, 61% der Ärzte fragen ihre Patienten nun häufiger zum Thema, 89% fühlen sich besser informiert, 70% vermitteln häufiger an Frauenberatungsstellen weiter und 90% fühlen sich besser angeschlossen an das Hilfsnetzwerk.

Dr. Barbara Schleicher präsentierte den „österreichischen Weg gegen Gewalt“, welchem eine Vorreiterrolle in der EU zugeschrieben wird. Mit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes 1997, dem Schutzgesetz für Stalking-Opfer 2006 und dem 2009 installierten Recht auf Prozessbegleitung für Opfer, sind einige wichtige Bereiche im Opferschutz gedeckt. Positiv anzumerken sei zudem die interministerielle Zusammenarbeit und die Spezialisierung der Polizei. Nachholbedarf bestehe weiterhin in Schutzmaßnahmen in der Bekämpfung von Gewalt an Frauen und die Aufnahme des Themas ´häusliche Gewalt´ in die Gesundheitsberufe. Hier wurde vor allem für verstärkte Öffentlichkeitsarbeit in Schulen plädiert. Ähnlich wie in NRW wurde bisher im psycho-sozialen Bereich Gewaltopfern wenig Beachtung geschenkt. Daher werde nun verstärkt auf Gewaltprävention in Krankenhäusern gesetzt. Schulungen sollen das Erkennen, Dokumentieren und die Betreuung von Gewaltopfern verbessern. Ein Nationaler Aktionsplan wurde eingeführt welcher 45 Maßnahmen zu Gewaltschutzmaßnahmen festschreibt. Zusätzlich müsse die Gesellschaft für das Thema Gewalt sensibilisiert werden, unter anderem auch in der Werbung.

Prof. Dr. Joachim Söder rundete die Abschlussveranstaltung mit einer philosophischen Perspektive ab. Er unterstrich, dass politische und gesellschaftliche Strukturen die Gewalt fördern in den Fokus gerückt werden sollten. Er nannte emotionale und kognitive gewaltstabilisierende Faktoren die Gewaltstrukturen aufrecht erhalten. Emotionale Faktoren wie Ressentiments kombiniert mit kognitiven Faktoren, wie über Jahrhunderte tradierte Denkmuster, etablieren Strukturen der Gewalt.

Das Fazit lautet: Gewalt- und geschlechterspezifischer Handlungsbedarf ist aufgrund des 40%igen Anteils an Gewaltopfern vorhanden. Gewalterfahrungen, ob im Kindesalter oder in späteren Jahren sind überwiegend mit psycho-sozialen Gesundheitsfolgen verbunden. Klinisches Personal allein kann dem Handlungsbedarf nicht gerecht werden, weswegen die sektorenübergreifende Vernetzung ausgebaut werden muss. Da in den letzten zehn Jahren ein Zuwachs an Gewaltdelikten gegenüber Frauen, aber auch Männern zu verzeichnen ist, müssen verstärkt Sexismus in der Werbung abgeschafft, gewaltverbreitende Strukturen durchbrochen und erhöhte Schutzmaßnahmen für Gewaltopfer ergriffen werden.

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