Seminarbericht zum SGK-Seminar „Erweiterte Kita-Öffnungszeiten“

Im letzten Jahr hat der Rat der Stadt Aachen den Weg für erweiterte Kita-Öffnungszeiten frei gemacht. Ab dem kommenden Kindergartenjahr sollen in zwei Einrichtungen in einem zweijährigen Modellprojekt erweiterte Öffnungszeiten umgesetzt werden. Der Stadtrat hat Finanzmittel für zwei 30-Stunden-Stellen für pädagogisches Fachpersonal pro Kita bereitgestellt. Laut dem Antrag der SPD und CDU Fraktionen, sollen die derzeitigen Öffnungszeiten von ca. 07:30 bis 16:30 Uhr auf 06:00 bis 19:00 Uhr erweitert werden.
Um die Vorschläge der Fachverwaltung durch die Expertise aus anderen Städten zu ergänzen, fand am Samstag, den 09.Mai 2015 ein Seminar des SGK Kreisverbandes Stadt Aachen zum Thema „Erweiterte Kita-Öffnungszeiten: Ansätze und Konzepte“ statt.
Neben einem Vortrag einer externen Referentin aus der Kitalandschaft aus Gelsenkirchen, wurde die Workshop-Phase genutzt, um die vorgestellten Konzepte und Ansätze für die konkrete Umsetzung in der Praxis zu erörtern.
Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion mit lokalen Akteuren statt.
Erweiterte Kita-Öffnungszeiten in Gelsenkirchen: Konzept und Ansätze

Nicole Willenbrink, Leitung einer städtischen Kindertagesstätte und Familienzentrum in Gelsenkirchen, hat in einem umfangreichen Referat als Praxisbeispiel die Umsetzung der erweiterten Öffnungszeiten in Gelsenkirchen erörtert.

Erste Umsetzung

In Gelsenkirchen wurden die erweiterten Öffnungszeiten in fünf Einrichtungen, welche auf alle fünf Stadtbezirke verteilt waren, in einem einjährigen Modellprojekt umgesetzt. Die Erweiterung der Öffnungszeiten erfolgte auf 6.00 bis 20.00 Uhr mit der Option auch samstags Betreuung anzubieten. Finanziert wurde das Projekt durch zweckgebundene Spenden zur Unterstützung von „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und umgesetzt in Zusammenarbeit mit der Arbeiterwohlfahrt – Unterbezirk Gelsenkirchen/Bottrop, die jeweils zwei pädagogische Fachkräfte in den teilnehmenden Tageseinrichtungen einsetzten.

Die Eltern in Gelsenkirchen können mit einer Zusatzvereinbarung  zusätzliche Stunden buchen. Die Kosten wurden ebenso wie die bisherigen Elternbeiträge nach dem Einkommen und Alter des Kindes (über und unter drei Jahren) gestaffelt.  Die Verteilung der Stunden auf die Woche war flexibel.

Kinder, die länger als 18.00 Uhr in der Betreuung sind, bekommen ein Abendessen. Entweder bringen die Eltern für den Abend etwas mit oder es wird Geld eingesammelt und davon gemeinsam in der Kita ein Abendessen zubereitet

Aktuelle Umsetzung

Aktuell bieten acht Tageseinrichtungen erweiterte Öffnungszeiten an, darunter auch eine mit Betreuung am Samstag. Die Finanzierung ist im Wirtschaftsplan von dem Eigenbetrieb der Gelsenkirchener Kitas (GeKita) aufgenommen. Eine enge Zusammenarbeit mit der Kindertagespflege von GeKita ermöglicht zudem, den Eltern individuelle Lösungen anzubieten. Es können auch Kinder aus den städtischen Nachbareinrichtungen oder der OGS in den Erweiterten Öffnungszeiten aufgenommen werden.

An einer Einrichtung in Gelsenkirchen ist das Betreuungsangebot auf samstags vormittags ausgeweitet worden.

Betont wurde durch die Referentin, dass zwei Bedingungen für die Umsetzung von erweiterten Öffnungszeiten notwendig seien: Personal und die Haltung der Kita-Leitung und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Praxis

Frau Willenbrink berichtet, dass in der Praxis Eltern einen Bedarf in den Einrichtungen anmelden und in einem Beratungsgespräch mögliche Lösungen erörtert werden. Entsprechend werden dann Zusatzvereinbarungen geschlossen oder auch an die Kindertagespflege weiter vermittelt. Um die Möglichkeiten für die Eltern möglichst flexibel zu halten, können die Stunden in der Zusatzvereinbarung individuell und auch täglich anders genutzt werden. Lediglich die Stunden pro Woche müssen eingehalten werden.

In der Einrichtung, in der Frau Willenbrink die Leitung innehat, gibt es keine festen Bring- und Abholzeiten. Zum Beispiel können Familien so den Morgen gemeinsam nutzen, wenn das Kind bis in den Abend betreut wird.

Die Erfahrung in Gelsenkirchen zeigt auch, dass bisher die erweiterten Öffnungszeiten nur von Eltern genutzt werden, die es wirklich brauchen und besonders Frauen die Möglichkeit geboten wird einem Beruf nach zu gehen. Gleichzeitig ist durch die erweiterten Öffnungszeiten auch die Kinderbetreuung bei Elternveranstaltungen gewährleistet.

Personal

Die Abdeckung der erweiterten Öffnungszeiten ist an den acht Kitas in Gelsenkirchen, die erweiterte Öffnungszeiten anbieten, unterschiedlich geregelt.

Werden die erweiterten Öffnungszeiten komplett vom Stammteam der Kita übernommen, so geschieht dies im wechselnden Schichtdienst. Für eine gute Übergabe überschneiden sich die Dienste, so dass Informationen des Vormittags auch an die Eltern weitergegeben werden kann. Die Dienstpläne beinhalten zusätzlich einen Ersatzspätdienst.

In anderen Einrichtungen trägt das Stammteam die Betreuungszeiten vor 07.00 Uhr und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der kooperierenden AWO übernehmen am Nachmittag und betreuen die Kinder bis in den Abend. Das AWO-Personal, zwei Fachkräfte mit jeweils 20 Stunden pro Einrichtung im Durchschnitt, decken die Stunden von 15.30 bzw. 16.30 Uhr bis 20.00 Uhr ab.

Elternbeiträge

Zur Vermeidung von unterschiedlichen Beiträgen für gleiche Leistungen in einem vergleichbaren Einzugsgebiet hat die Stadt Gelsenkirchen, zusammen mit 12 benachbarten Ruhrgebietsstätten, eine gemeinsame Beitragssatzung und Beitragstabelle erarbeitet, die zum 01.08.2008 in Kraft getreten ist.

Wenn Eltern eine Kombination mehrerer Betreuungsformen innerhalb von Gelsenkirchen in Anspruch nehmen, wie zum Beispiel Kindertagesstätte und Kindertagespflege, so werden die Betreuungsstunden zusammengerechnet und es fällt nur ein Elternbetrag an.

Wenn mehrere Kinder einer Familie eines der Betreuungsangebote in der Tagespflege, Tageseinrichtung oder OGS innerhalb Gelsenkirchens in Anspruch nimmt, so ist nur für ein Kind der Elternbeitrag zu entrichten.

Ferienbetreuung

Während der Schließungszeiten der Tageseinrichtungen in den ersten drei Wochen der Sommerferien und zwischen Weihnachten und Neujahr bieten ausgewählte Einrichtungen eine Ferienbetreuung für die Kinder berufstätiger Eltern, die keinen Urlaub nehmen können, an. Die Ferienkindergärten sind auf die Stadtbezirke verteilt. Die Schließungszeiten sind stadtweit abgestimmt, sodass alle Kitas in den ersten drei Wochen der Sommerferien geschlossen sind.

Workshop Phase

Im Rahmen einer Workshop-Phase haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an drei Tischen zu verschiedenen Themen konkrete Ansätze erörtert, wie erweiterte Öffnungszeiten umgesetzt werden können.

1) Pädagogisches Konzept

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind der Frage nachgegangen, wie der Alltag in einer Kita mit erweiterten Öffnungszeiten gestaltet werden kann.

–       Die Strukturen müssen den erweiterten Öffnungszeiten und flexiblen Betreuungszeiten angepasst werden, d.h. das pädagogische Angebot spätnachmittags und abends muss Teil einen ganzheitlichen Konzeptes sein.

–       In den Gelsenkirchener Kitas wird die Übergabe von Stammpersonal an AWO-Kräfte, die die erweiterten Öffnungszeiten abdecken, durch ein Übergabebuch erleichtert.

–       Ein separater Schlafraum muss gewährleistet sein.

–       Externe Kräfte müssen an das pädagogische Konzept der Einrichtung gebunden sein.

–       Ausschließlich pädagogisches Personal ist für die erweiterten Öffnungszeiten einzustellen.

2) Betreuungs- und Öffnungszeiten

Die Frage, wie konkret die Öffnungszeiten und Betreuungszeiten aussehen können, haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer erörtert.

–       Eine Voraussetzung für die Erweiterung der Öffnungszeiten ist die Bereitstellung von Finanzmitteln für zusätzliches Personal. Hier sind auch die Konzeptions- und Vorbereitungszeiten zu berücksichtigen.

–       Eine regelmäßige Bedarfsabfrage aufgeschlüsselt für den Sozialraum sowie eine regelmäßige Abfrage in den Einrichtungen zur Planung von dem benötigten Plätzen in den Sozialräumen.

–       Eine Festlegung der maximalen Betreuungszeit ist notwendig. Gleichermaßen sollte eine flexible Nutzung der gebuchten Stunden innerhalb einer Woche möglich sein.

–       Eine Festlegung der maximalen Bring- und Abholzeiten ist notwendig. Gleichermaßen sollte die Einrichtung bemüht sein mit Eltern individuelle Lösungen außerhalb dieser Zeiten zu finden, zum Beispiel über eine enge Kooperation mit der Tagespflege.

–       Die Anpassung des Betreuungskonzeptes ist eine Voraussetzung für eine Flexibilisierung.

3) Elternbeiträge und Buchungssysteme

–       Pro Sozialraum eine Kita mit erweiterten Öffnungszeiten und eine enge Kooperation mit benachbarten Kitas und OGS. Auch Betreuung samstags als Angebot für berufstätige Eltern.

–       Lösungsansätze für Buchungssysteme:

  • A) Kernzeit von 8.00 bis 15.00 Uhr oder 07.00 bis 16.00 Uhr: 35 Stunden und Pakete für erweiterte Öffnungszeiten innerhalb 6.00 bis 20.00 Uhr dazu buchbar; wie viele Pakete kann die Einrichtung mit Stammpersonal abdecken?
  • B) 25, 35 oder 45 Stunden Kontingente und Pakete dazu buchbar.
  • C) Keine Kernzeit; 45 Stunden flexibel einsetzbar innerhalb der Öffnungszeiten 06.00 bis 20.00 Uhr; Stammpersonal plus zusätzliche Stellen (zwei 30Std-Stellen).

–       Paket zusätzlich buchbar für OGS-Kinder im Sozialraum, z.B. für eine Stundenbuchung vor 07.30 und nach 15.00 Uhr, oder Kinder aus benachbarten Einrichtungen.

Podiumsdiskussion

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion moderiert von der Aachener Landtagsabgeordneten Daniela Jansen, haben lokale Akteure die Ansätze und Konzepte, welche in der Workshop-Phase erarbeitet wurden, diskutiert. Die Podiumsgäste waren

–       Frau Fischer, Abteilungsleitung FB 45/200 für Kitas, OGS und Tagespflege

–       Frau Schunk, Vorstandsmitglied im Jugendamtselternbeirat der Stadt Aachen

–       Frau Stille, kinder- und jugendpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Stadtrat

–       Frau Konrath, Geschäftsführung Familiäre Kindertagespflege e.V.

–       Frau Navvabi-Garakani, Fachbereichsleitung Kindertagesstätten der AWO-Aachen

–       Frau Timmers, Kita-Leitung und Mitglied im Personalrat der Stadt Aachen

Die konstruktive und praxisnahe Atmosphäre der Workshop-Phase hat sich auch in der Podiumsdiskussion fortgesetzt. Es wurden Ansätze des Gelsenkirchener Konzeptes erörtert und auf ihre Umsetzung in Aachen diskutiert. Themen, die auch hier aufgegriffen wurden, waren Personalplanung, pädagogisches Konzept und Familienfreundlichkeit.

Personalplanung: Auch wie die konkrete Personalplanung in den Kitas aussehen könnte wurde diskutiert. Dienstpläne sollten mit Pufferstunden und Ersatzpersonal geplant werden um mögliche Ausfälle schnell zu kompensieren. Gleichzeitig wurde auch angebracht, dass die Anwesenheit der Bezugspersonen im Rahmen der Flexibilisierung praktisch nicht immer gewährleistet sein kann. Die Umsetzung von erweiterten Öffnungszeiten sei aber leichter in größeren Einrichtungen mit 4 oder 5 Gruppen als an kleineren. Aber hier könnte auch eine Kooperation von Einrichtungen in einem Sozialraum eine Lösungsmöglichkeit sein. Oder sogar die Kooperation von Kindertagesstätten und benachbarten OGS. Auch die Forderung nach einem besseren Personalschlüssel und Gruppengrößen zur Steigerung der Qualität der Betreuung wurde betont.

Pädagogisches Konzept: Die Voraussetzung für die Gestaltung des pädagogischen Konzeptes und der Personalplanung sei der Bedarf. Nur durch regelmäßige Bedarfsabfragen in der Kita könnte das Angebot gestaltet und das Konzept auf den Betreuungsbedarf und Öffnungszeiten abgestimmt werden.

Familienfreundlichkeit: Es wurde zudem betont, dass neben der Steigerung der Familienfreundlichkeit städtischer Leistungen, auch die Arbeitgeber der Eltern Familienfreundlicher zu werden, d.h. u.a. dass zur Planung der Betreuung und Bedarfsanmeldung Arbeitspläne mittel- und langfristig statt kurzfristig festgelegt werden sollten. Arbeitszeiten müssen planbar sein. Gleichzeitig ist es auch die Verantwortung der Stadt eine kontinuierliche Bindung von Eltern und Kindern zu fördern, also auf maximale Betreuungs- und Öffnungszeiten zu achten. Eine Flexibilisierung gekoppelt mit der Aufhebung der Kernzeiten könnte aber auch hier mehr Familienzeit schaffen.

 

 

 

 

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