Tatkraft-Tag im ambulanten Pflegedienst Visitatis

Die erste Herausforderung an diesem Tag: Mein Wecker klingelt um 05:45. Das ist mir eigentlich eindeutig zu früh, aber es hilft ja nichts. Ich starte um 6 Uhr mit Nina vom ambulanten Pflegedienst Visitatis in Walheim zu ihrer täglichen Tour. Sie erzählt mir im Auto, dass sie ihren Job sehr gern macht und die meisten „ihrer“ zu Pflegenden Leute sehr nett und lieb zu ihr sind.
Wir fahren zuerst zu einem älteren Herrn, der im Bett gewaschen wird. Beim anziehen braucht er ebenfalls Hilfe, danach ist er aber für den Tag gerüstet und kocht sich erst mal einen Kaffee. Keine 20 Minuten hat das gedauert, mindestens eine Minute geht aber für die Dokumentation drauf. „Ich finde es richtig, dass wir aufschreiben, was wir getan haben, schon allein deshalb, wenn mal eine Kollegin die Strecke übernimmt“, meint Nina. Aber oftmals nimmt das viel Zeit in Anspruch, die sie gern mit den Menschen verbringen und plaudern würde.
Die nächste Station ist bei einer schwerst pflegebürftigen Frau, die noch im eigenen Haus lebt. Dank der Fürsorge ihrer Tochter und ihres Sohnes ist das zu schaffen. Als wir ankommen, läuft im Radio WDR4, die Kaffeemaschine knattert und die Tochter (selbst schon in Rente), hat ein Butterbrot für ihre Mutter geschmiert. Nina setzt die alte Dame, die durch ihre Demenz ihre Tochter nicht mehr erkennt, in den Rollstuhl und fährt sie ins Bad. Nach dem Duschen wird sie angezogen und in den Stuhl gesetzt. Wir verabschieden uns, kommen aber in drei Stunden noch einmal wieder, um die Frau aus dem Rollstuhl in den Fernsehstuhl zu setzen.
Im betreuten Wohnen sind die Bewohner körperlich noch etwas fitter; mir gefallen die Wohnungen, sie hell und rollstuhlgerecht eingerichtet sind, sehr gut. Natürlich hat das seine Preis, aber die Bewohnerinne und Bewohner sind zufrieden: „Hier kommt die Putzfrau, der Pflegedienst, ich mache ab und zu Ausflüge mit und spiele Bingo- mir gefällt es hier“, erzählt mir eine der Bewohnerinnen. Ich freue mich, denn sie erkennt mich wieder: hier im Seniorenwohnheim war ich schon zweimal zum Kaffeeklatsch.
Insgesamt haben wir bis zum Mittag schon 15 zu Pflegende besucht. Nina hat für alle ein freundliches Wort, fragt nach gesundheitlichen Beschwerden, ruft bei Ärzten und Apotheken an und fragt nach Rezepten, die noch nicht eingelöst oder Medikamenten, die noch nicht geliefert worden sind. Sie ist für viele ein wichtiges Bindeglied in die Gesellschaft. Bei manchen hat sie einfach nur den Auftrag, die Medikamente zu verabreichen. Und bei einigen würde sie gern mehr machen: “Aber leider hat jeder in Deutschland ein Recht auf Verwahrlosung“, bedauert sie, als wir eine Wohnung verlassen, die stark renovierungsbedürftig ist und deren Bewohnerin einen verwahrlosten Eindruck macht.
Am frühen Nachmittag endet die Schicht. Das Fazit: das war klar mein anstrengendster und bewegendester Tag, auch wenn ich außer Hilfstätigkeiten wie anreichen von Wäsche, Krümel auffegen oder Tee aufgießen nicht viel helfen konnte. Was aber ganz klar ist: die Menschen, die ihre Angehörigen pflegen und die professionellen Pflegekräfte verdienen höchste Anerkennung und haben meinen vollen Respekt.

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